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Künstlerfoto
Werner Hilsing



Alle aktuellen Ausstellungen:

„Abi Shek“

Ausstellungen
   
„Bilder. 1956 - 2018“
  Fotos zur Eröffnung


Eröffnung:
25.03.2018, 12:00 Uhr

Einführung:
Dr. Alexandra Glanz, Hannover


Dauer:

25.03.2018 - 06.05.2018

Öffnungszeiten während der Ausstellung:

Dienstag - Freitag 11 - 13 Uhr und 15 - 18 Uhr
Samstag 11 - 13 Uhr und 15 - 17 Uhr
Sonntag 15 - 17 Uhr
und nach telefonischer Vereinbarung

 Eröffnung: So., 25. März,12.00 Uhr; Künstlergespräch: So., 15. April,15.00 - 16.00 Uhr; KinderKunstführung: So., 6. Mai,14.00 - 15.30 Uhr; Finissage: So., 06. Mai, 15.30 - 17.00 Uhr ; Karfreitag u. Ostermontag geschlossen!





Fotos zur Eröffnungsveranstaltung:

Über sechs Jahrzehnte ‚Werner Hilsing‘ breiten sich hier aus, nicht im Sinne einer Retrospektive, die die Entwicklung aufzeigen will, sondern als Demonstration seines facettenreichen Schaffens.




Ausstellung zum 80. Geburtstag von Werner Hilsing

 

Eröffnungsrede bei imago Kunstverein Wedemark

Sonntag, 25. März 2018

 

 

Wenige Tage vor Weihnachten bekam ich einen Anruf von Werner Hilsing. Ob ich nicht … sein 80. Geburtstag … der Kunstverein Wedemark richte ihm eine Ausstellung ein.

Ich zögerte und sagte – wahrheitsgemäß – ich habe grauslige Angst vor öffentlichem Reden. Er, seine explosionsartige Antwort: „Oh, das kenne ich, ich kann das überhaupt nicht.“ Ich hatte ein weiteres Argument gegen das Reden hier parat: dass ich doch vor fünf Jahren, zu seinem 75. Geburtstag, hier schon einmal … Er, ebenso leidenschaftlich, antwortet: „Genau, wir wollen uns doch nicht wiederholen, davor haben wir doch Angst.“

 

Weshalb erzähle ich Ihnen diese Begebenheit? Weil sie mir das entscheidende Moment für die Haltung eines sehr besonderen Künstlerlebens spiegelt. Werner Hilsing sagt nicht: ach, Angst, das macht doch nichts, oder: Angst, ist doch nicht wichtig. Er sagt auch nicht: Wiederholungen, so ist nun mal das Leben, merkt doch niemand. Werner Hilsing hört und sieht, um das, was er hört und sieht, sein zu lassen. Was ist, wird nicht beurteilt, nicht kommentiert. Sondern tief im eigenen Inneren wird geschaut, was macht das mit mir, was ich da höre und sehe. Das ist sein künstlerisches Credo.

 

Vor fünf Jahren habe ich noch nicht W.H.s Elternhaus in Abbensen gekannt, in dem ich ihn wenige Wochen später erst besucht habe und in das er erst vor 13 Jahren zurückgekehrt ist, nach 53 Jahren weitab der dörflichen Heimat. Vorrangig in Berlin, wo er seine Lehrjahre an der Hochschule der bildenden Künste verbrachte. Aber auch in Chile, in Allendes Chile der Siebziger Jahre. Diese Station auf seinem Lebensweg war der Liebe geschuldet, der Mutter seiner Tochter.

 

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre war er wieder zurück in Berlin, ein alleinerziehender Vater und erfolgreicher Vertreter des Magischen Realismus. Als in diesen Jahren ein Düsseldorfer Galerist alle Bilder Hilsings nach einer Ausstellung verkauft hatte, wollte dieser mehr Arbeiten in dieser Art. Nicht von Werner Hilsing. „Ich mach’ doch nicht das Gleiche noch mal!“, entrüstet er sich noch heute.

 

Schon 1970 hatte er den Kunstpreis Niedersachsen bekommen; nach zahlreichen Einzelausstellungen in Berlin, Düsseldorf, München und Köln präsentierte die Bremer Kunsthalle 1972 eine umfassende Werkschau seines bis dahin geschaffenen Œuvres.

 

In den Neunzigern sog Hilsing die weiche kalifornische Luft in sich ein; er lebte einige Jahre in der Bay-Area von San Francisco. Hier, diese delikate Strichzeichnung stammt aus dieser Zeit.  „Bay“ heißt sie lakonisch, bestehend aus hauchdünnen Strichen. Betrachten Sie seine Signatur auf vielen Bildern. Die einzelnen Buchstaben seines Nachnamens, getrennt voneinander tauchen sie linear aus dem Bildgrund auf, verhuschte Wesenheiten im Wind.

 

Nochmal zurück zu Hilsings elterlichem Domizil. Wie eine efeuüberwachsene Bilderburg trutzt das zweistöckige Häuschen neben der Dorfkirche der Außenwelt. Die Fenster sind teilweise verklebt. Diese Maßnahme ist dem Arbeitslicht für den Künstler geschuldet. Etwas Zauberisches strahlt das verwitterte Gemäuer aus. Ist das der Eingang? Dieser von Grasbüscheln/Sträuchern zugewucherte Gartenweg? Er ist es. Und der Gastgeber steht unter der Türe und genießt seine Gauloise. 80 Jahre und sehr weise. Der genaue Geburtstag war am 26. Februar.

 

Dieses Hexenhaus hat W.H. vollständig, wirklich bis in den letzten Winkel des Speichers, seinem künstlerischen Willen unterworfen. Alle Wände sind bemalt, beklebt. Fensterrahmen sind Bildgrund, Untergrund für Hunderte von Briefmarken. Teilweise sind auch die Zimmerdecken gestaltet. Da gibt es allerdings noch wenige freie Stellen; diese Arbeit sei zu mühselig, gesteht der Künstler freimütig.

 

Das ganze bewegliche Interieur ist als Bilderbühne gestaltet. Tische, Schränke, der Dielenboden, die steile Treppe zum Obergeschoß, Fenstersimse, überall stehen und liegen die Dinge nicht zufällig,  sondern gleich Stillleben komponiert. Sehr stille Stillleben, die ihr Geheimnis hüten. Ich würde uns wünschen, dass ein Photograph diese architektonische Preziose in Abbensen mal durchfotografiert und sie zum Bilderbuch über ein Gesamtkunstwerk werden lässt. Als Ode an ein ausgelassenes Leben.

 

Und auch hier, im Kunstverein Wedemark, ist alles Stillleben. Jedes Bild, wie es hier hängt, ist nicht zufällig gehängt. Sondern genau so vom Künstler gewollt. Von 76 Bildern sind Sie umgeben. In der Zahl enthalten ist die Vitrine vor der Türe; sie ist als ein Bild, als ein Stillleben gezählt. Und nichts ist austauschbar. Würden Sie an dieser Bilderwand ein einziges Bild herauslösen oder nur verschieben, geriete alle Balance in eine Schieflage. 

 

Bleiben wir noch mal an dieser Wand, Typ St. Petersburger Hängung, die Chaos evoziert, um sich der Wahrheit zu nähern. Hier finden Sie Malerei vom Stil des eben erwähnten Magischen Realismus. Im Hilsingschen Königreich ist Stil aber obsolet. Da dürfen sich auch Art brut wohlfühlen, die Wildheit und das Rohe, das Spontane. Sehen Sie hier die getuckerte Collage, die kleine. Es gibt die „rosa Periode“, die „blaue Periode“, Hilsing liebt Picasso. Aber auch Klee und Chagall.

 

Es gibt die impressionistische Periode. Immer wieder. Auch bei dieser jüngsten Malerei hier weit hingen … angefangen schon in Kalifornien, zu Ende gemalt im Herbst vorigen Jahres. Weil Hilsing da erst das phosphorige Pigment fand, mit dem er genau dieses Gelb herstellen konnte, das Ihnen jetzt entgegenflirrt. Und das er suchte.

 

Vier Paletten-Bilder sind hier ausgestellt. Rechteckige Holztafeln, die gemeinhin nicht als Paletten bezeichnet werden, von W.H. jedoch als diese genutzt werden, um die Farbe für seine Leinwand zu mischen. Hilsing widmet die Holzstücke zum Bildgrund um, macht Malerei daraus, und das schon in seinen Jugendjahren. 15, schätzt Hilsing, sei er da gewesen, als er es malte. Hier, links vom Eingang. Die eine formal echte Palette aber, hier, rechts vom Eingang, die mit dem Loch, damit der Finger sie in der Hand greifen können, die ist erst recht keine Palette. Sondern eine Collage. Beklebt mit vieldeutigen Papierausschnitten.

 

Das allerälteste, allererste Bild aber sehen Sie hier ganz unten, unter dem rechteckigen Palettenbild: zwei eindeutig als Autos zu identifizierende Straßenflitzer, mit weichem Bleistift auf die Seite eines Eulenspiegel-Buches gekrakelt. Spitzbübischer Titel des unschuldigen Meisterwerks des höchstens Vierjährigen: „Eulenspiegel erschreckt vor Autos“.

 

Mit 15 ½, 1953, Gymnasiast an der hannoverschen Luther-Schule, malte er bewusst sein erstes Bild und merkte: „Das mach’ ich nun.“

 

Das mit den Titeln, die Hilsing seinen Bildern verleiht, ist auch nicht ohne. „Streng geheim“, heißt diese flirrende Kopflandschaft auf dickem grauem Karton. Er wisse nicht, warum er dieser Grisaille-Malerei den Titel gab, doch als Erklärung fügt er hinzu: „Ist doch ein schöner Titel!“ Einst war diese Pappe einfach Unterlage auf dem Arbeitsplatz; aber dann entstand hier mal ein Detail und mal dort. Und allmählich aus dem Einzelnen das Ganze.

 

„Brelinge im Walde“ *), hier an der Längsseite ganz hinten rechts, noch so ein assoziationsreicher Titel. Schwitters malte den Brelinger Berg, eine Bushaltestelle heißt so.

 

Hilsings Bilder tragen nicht nur eigenwillige Titel, er gesteht ihnen auch einen eigenen Willen zu. Deshalb hat schon Mancher einen originalen Hilsing kaufen wollen, aber nicht bekommen, „weil es nicht weg wollte“, von seinem Schöpfer, seinem Herrn. Aber auch, weil sein Schöpfer sie nicht weglassen wollte. Denn manches Blatt, manche Leinwand holt er Jahrzehnte später wieder hervor und arbeitet weiter daran. „Sie dürfen wachsen“, nennt er das.

 

Wie er für sein eigenes Alter kein Gefühl hat, wie er glaubhaft beteuert, so sind auch seine Bilder - alterslos.

 

Diese alterslosen Bilder öffnen sich freiheitsliebend jedem Stil, seit weit mehr als 60 Jahren. Sie verknäulen Wahrheit und Erinnerung, Gedanken und Gefühle und sind der Hort ungenierter Kreativität. Hilsing malt aus seinen inneren Bildern heraus. Und wie wir alle wissen, kennen Gefühle, Stimmungen keine Zeit. Die kommen und gehen, gerade wie es ihnen beliebt. „Mit Stil kann ich nicht dienen!“, sagt er schmunzelnd.

 

1963 schrieb Hilsing auch einen Roman (ja, einen Roman, sogar zwei, doch nur einer wurde veröffentlicht). „Die Ente vom zwölften Julei“. Ein Künstlerroman. Hilsings aktuelle Lektüre ist übrigens ebenfalls ein recht spleeniger Künstlerroman: „Odile“, von dem französischen Sprachkünstler und Dichter Raymond Queneau, erschienen 1937. Hilsings „Ente“ erschien 1981, also fast zwei Jahrzehnte nachdem er den Roman verfasst hatte. Der Klappentext verwies auf Hilsings Phantastischen Realismus, mit dem er in den sechziger Jahren reüssierte. 1963, das Entstehungsjahr des Romans, war auch das Jahr, als die legendenumwobene hannoversche Galerie von Adam Seide erstmals seine Arbeiten zeigte.

 

Wenige feine Strichzeichnungen finden sich in dieser höchst amüsanten Geschichte der „Ente vom zwölften Julei“ (antiquarisch lässt sich der Roman noch finden). An diesen schwerelosen Strich, tänzerische Linien im Raum, werden sich noch alte Leser der Hannoverschen Allgemeinen erinnern können: an Illustrationen zu Geschichten und Gedichten in der Wochenendbeilage der HAZ. Signiert mit „W.H.“.

 

So viel gäbe es noch zu erwähnen über dieses Künstlerleben. Inzwischen liegt sogar eine Arbeit im Rahmen eines wissenschaftspropädeutischen Seminars über einen Aspekt seines Werks vor. Titel der vier Jahre jungen Schrift: „Stil ist Vergangenheit (Hilsing) – Eine vergleichende Analyse und Interpretation der Gemälde „Die große Dryade“ von Pablo Picasso und des Bildzitats „Nach Picasso“ von Werner Hilsing“. 1908 ist Picassos „Dryade“ datiert, Hilsings „Dryade“ folgte sechs Jahrzehnte später.

 

Ich möchte mit einem Hilsingschen Zitat enden, das ich in der Seminararbeit von Sarah Glück gefunden habe (deren Großvater im übrigen Hilsings „Dryade“ gehört). Darin auf Seite 26, O-Ton Hilsing: „Natürlich steht man auf den Schultern anderer, aber eigentlich ist es in der Malerei egal, ob man zitiert oder nicht. Es ist immer ein Gespräch, eine Beschäftigung mit Jahrhunderten. In der Wissenschaft habe ich das Gefühl, ein Irrtum jagt den anderen – in der Kunst gibt es keine Irrtümer.“ In diesem Sinne: Worte können falsch sein, Werner Hilsings Kunst ist wahr. Und das in Zeiten der weit verbreiteten Fakenews.

 

 

Alexandra Glanz

 

 

 

 

 

Anmerkung am Tag nach der Eröffnung

*) „Brelinge im Walde“ hing in Herrn Hilsings Schlafzimmer über seinem Bett. Es wurde bei der Eröffnung verkauft.

 


Werner Hilsing

Internet: www.wernerhilsing.de

1938
geboren in Hannover, aufgewachsen in Abbensen
 
1958
Abitur in Hannover
 
1968/69
Werkkunstschule Hannover
 
1969
Hochschule der Bildenden Künste Berlin bei Werner Volkert und Mac Zimmermann
 
1969–2005
Leben und Arbeiten in Berlin, längere Aufenthalte in Südamerika und den USA
 
1981
Veröffentlichung des Romans „Die Ente vom 12. Julei“
 
2003
Gründung der Werner- Hilsing-Gesellschaft
 
seit 2005 lebt und arbeitet Werner Hilsing wieder in Abbensen/ Wedemark
 


Ausstellungen:
(Auswahl)
 
1963
Galerie Adam Seide, Hannover
 
1972
Kunsthalle Bremen, Bremen
 
1978
Galerie Christoph Dürr, München
 
1983
Neuer Berliner Kunstverein, Berlin
 
1994
Galerie Redmann, Berlin
 
1995
Ice House Gallery, Telluride, Colorado, USA
 
1997
Cecile Moochnek Gallery, Berkeley California, USA
 
2002
atelier z-Art, Madeleine Ammann,Zürich, Schweiz
 
2006
Galerie vom Zufall und vom Glück, Hannover

2008
imago Kunstverein Wedemark, Wedemark/ Bissendorf
 
Preise
1970 Förderpreis des Landes Niedersachsen für Bildende Kunst